Sonntag, 6. März 2016

Kerntechnik | Über ein Ereignis in Fessenheim im April 2014 und eine Meisterleistung der Berliner Geisterschreiber-Innung.

"Un incident grave à la centrale nucléaire de Fessenheim en 2014, selon la presse allemande", schreibt die elsässische Zeitung Dernières Nouvelles d'Alsace (DNA) am 04. März 2016. Im elsässischen Kernkraftwerk Fessen­heim habe es 2014 einen schweren Unfall gegeben, erfahren das Elsass, ganz Frankreich und die ganze Welt nun endlich aus dem Lande der Kernkraft­gegner.

"Panne im Atomkraftwerk Fessen­heim war gravierender als gedacht", titelt beispielsweise die Süddeutsche Zeitung am 04.03.2016, und fährt fort: "Eine Panne im französischen Atom­kraftwerk Fessenheim an der deutschen Grenze im Jahr 2014 war gravierender als gedacht. Der Reaktor ließ sich vorübergehend nicht mehr steuern. Recherchen von SZ und WDR belegen eine Abfolge von technischem Versagen und Chaos." Gravierender, als gedacht, so die süd­westdeutschen Cerebrummer.

In dieselbe Kerbe haut stante tastature die SPD-Wahlkämpferin Malu Dreyer aus Rheinland-Pfalz mit einer scharfen Note an den französischen Präsi­denten François Hollande, nun doch endlich nicht nur das KKW Fessen­heim, sondern gleich auch noch die 4 Blöcke des KKW Cattenom zu still zu legen, denn nur so könne es gelingen, die im Lande allzeit Besorgten ruhig zu legen. Ein Kern­kraftwerk ist nicht genug.

Pressemitteilungen aus dem rot-grünen Miniaturland Rheinland-Pfalz vom 04.03.2016: "Abschaltung gefordert", und, noch grüner, die Umweltministerin Eveline Lemke (Bündnis 90/Die Grünen):
"Der vertuschte Vorfall in Fessenheim zeigt: Die Franzosen haben aus Fukushima nichts gelernt und wir als unmittel­bare Nachbarn sind mitgefährdet. Wir können uns offen­sichtlich nicht auf die Auskünfte des AKW-Betreibers EDF verlassen. Und was noch viel schlimmer ist – die französische Atom­aufsicht mauschelt, statt ihren Job zu machen. Für mich ist klar, solange nicht umfassend aufgeklärt ist, was in Fessen­heim genau vorgefallen ist, muss das AKW vom Netz. Auch in Cattenom ist unser Vertrauen durch die ständigen Pannen dort erschüttert. Ich fordere von der französischen Regierung: Schaltet Fessen­heim und Cattenom ab! Sofort!"
Scharf geschossen, Grüne, am Ziel vorbei.

Nicht faul, schießt die noch schärfere Bundesumwelt­ministerin Barbara Hendricks mit, ja womit denn? ..... mit lila Wattebäuschen!

Titel der Pressemitteilung des BMUB Nr. 046/16 | Berlin, 04.03.2016: "Hendricks: Fessenheim muss vom Netz". Nach markigem Spruch wird es ruhig.
Text der Pressemitteilung des BMUB Nr. 046/16 | Berlin, 04.03.2016 - www.bmub.bund.de/N52894:
"Zu Berichten über einen Störfall im Atomkraftwerk Fessenheim aus dem Jahre 2014 erklärt Bundesumwelt­ministerin Barbara Hendricks:
Der in den Berichten geschilderte Vorfall im Atomkraftwerk Fessen­heim aus dem Jahr 2014 war und ist ernst zu nehmen. Er ist ein weiterer Beleg für das Risiko, das vom Betrieb dieses alten Reaktors ausgeht. Er gibt auch Hinweise darauf, dass die Sicherheits­kultur in dieser Anlage verbesserungs­bedürftig ist. Nach Kenntnis unserer Reaktor­sicherheits­experten hatte das Ereignis keine Aus­wirkungen auf das Personal und die Umwelt.
Der Vorfall ist bereits 2014 Gegenstand von Presse­berichten gewesen, ist also keine aktuelle Neuigkeit. Darüber hinaus hat die französische Atom­aufsicht in der Deutsch-Französischen Kommission zur Sicherheit der AKW über das Ereignis berichtet.
Das Ereignis ist damals auf der 7-stufigen inter­nationalen Skala für nukleare Ereignisse (INES) mit der Stufe 1 bewertet worden. Dies unterstreicht, dass es sich um ein sicherheits­relevantes Vorkommnis gehandelt hat.
Der Vorfall zeigt einmal mehr, dass unsere Forderung gegenüber der französischen Regierung, Fessen­heim vom Netz zu nehmen, gute Gründe hat. Ich habe dies mit Verweis auf die berechtigten Sorgen der Bevölkerung in der deutsch-französischen Grenz­region wieder­holt gefordert und werde dies auch weiterhin tun."
Ersetzen Sie "Atomkraftwerk Fessenheim", "Fessenheim", "Atom", "Reaktor", "AKW" und "nuklear"durch "Hühnerstall" und Sie sehen, der Hendricksche Empörungstext ist universell verwendbar. Eine Meisterleistung der Berliner Geisterschreiber-Innung.

Frau Hendricks Fazit
Die Angelegenheit ist keine Neuigkeit. Sie ist kalter Kaffee aus dem Jahre 2014 und seit Olims Zeiten auch der Bundes­regierung bekannt. Die kritischsten aller kritischen Atom­kritiker hätten leider feststellen müssen: "Nach Kenntnis unserer Reaktor­sicherheits­experten hatte das Ereignis keine Auswirkungen auf das Personal und die Umwelt.", was besagt, dass alle Katastrophen­meldungen Panikmache sind. Hendricks Standard-Schluss­formel: Kern­kraft­werke stilllegen.

Zum Ereignis vom 09. April 2014 in Block 1 des elsässischen Kernkraft­werkes Fessen­heim 1, einer 900-MW-Druck­wasseranlage, sind im Netz keine aussage­kräftigen Informationen in deutscher Sprache zu finden.
  • Von der französische Behörde Autorité de sûreté nucléaire (ASN) wurde am 17.04.2014 die Ereignismeldung "Inondation interne dans la partie non nucléaire du réacteur n°1" veröffentlicht, in der Ursache und Ablauf des Ereignisses beschrieben und bewertet werden.

    Fazit: Während betrieblicher Arbeiten an einem Kühlsystem im nicht-nuklearen Teil der Anlage kam es beim Befüllen zu einem Wasser­austritt über eine Entlüftungsleitung. Ein Teil des Wassers setzte in einem tiefer liegenden Geschoß einen Schalt­schrank außer Betrieb, sodass eines von zwei redundanten sicherheitstechnisch wichtigen Teilsystemen des Reaktor unverfügbar war. Das Kraftwerk wurde von der Betriebs­mannschaft nach betriebsüblicher Prozedur ohne Probleme abgefahren. Die Wartungs­anweisung des ereignis­auslösenden Systemes wurde angepasst.

  • Nach den Panikmeldungen aus Deutschland bestätigt die ASN in La Dépêche.fr vom 04.03.2015, dass es keinen Grund gäbe, Fessenheim zu schließen. "Pas de raison" de fermer Fessenheim "du point de vue de la sûreté", selon l'ASN.
Im Stile der Kampagnen gegen die friedliche Nutzung der Kernkraft aus den 60er Jahren des verflossenen Jahr­hunderts agitieren die Politiker, die Landes­minister und die Bundes­minister auch heute noch, und sie regen sich über Ereignisse auf, die sie von Amts wegen zu kennen haben. Es geht um Panikmache, um Stimmenfang und um Verunsicherung der Bevöl­kerung. Und bist du nicht willig, so jage ich dir Angst ein, und schon wirst du mir folgen.

Vor 40 Jahren wurden bilaterale Kommissionen u. A. zur gegenseitigen Information über kern­technische Themen eingerichtet.

Deutschland und Frankreich haben dafür die "Deutsch-Französische Kommission DFK", in die z. B. im Januar 2005 nicht lange vor Regierungs­wechsel der damalige Bundes­umwelt­minister Jürgen Trittin mit Christian Küppers vom Öko-Institut Freiburg-Darmstadt einen "ausgewiesenen Fachmann auf den Gebieten Reaktor­sicherheit und Strahlen­schutz" in die deutsche Delegation der Deutsch-Französischen Kommission für Fragen der Sicherheit kern­technischer Anlagen (DFK) berufen hatte.

Sollte der ausgewiesene Herr noch immer als Fachmann in der DFK wirken, und womöglich Frau Hendricks bescheinigt haben, dass das Fessen­heim-Ereignis 2014 "keine Auswirkungen auf Personal und Umwelt hat", dann kann sich Deutschland beruhigt zurücklehnen. Schlimmer, als ein Öko-Institutler bescheinigt, kann es niemals sein.

Zur DFK, vgl. z. B. Bundestags-Drucksache 17/9905 vom 12.06.2012 "Antwort der Bundes­regierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Sylvia Kotting-Uhl, Hans-Josef Fell, Bärbel Höhn, [...] und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Drucksache 17/9803 – Deutsch-Französische Kommission zur bilateralen Zusammen­arbeit auf dem Gebiet der Atom­sicherheit", oder die Website des Bundes­ministeriums Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit BMUB.

Und die Moral von der Geschicht'? Agitation, Propaganda und Diffamierungen regieren das Volk. Warum nur steigt es nicht auf die Barrikaden?